Nomos Tangente

Modellbeschreibung

Gut gelungen ist sie jedenfalls, die Tangente. Der Antrieb mittels eines ETA Peseux 7001 war eine gute Wahl, sie ermöglichte ein recht flaches Gehäuse was zum Stil des klar strukturierten Zifferblattes paßt. Mittlerweile hat die Tangente-Familie Zuwachs bekommen, ein etwas größer geratenes Sportmodell mit Leuchtziffern und -Zeigern sowie eine Variante mit Datumsanzeige ist ebenfalls verfügbar.

 

 

Geschichte und Hintergründe

Walter Gropius (1883-1969) gründete im Jahre 1919 in Weimar die Hochschule für Gestaltung, auch bekannt unter dem Namen Bauhaus und war gleichzeitig deren erster Direktor. Erklärtes Ziel des Bauhauses war, nach den gestalterischen Wirren der industriellen Revolution, in Kunst, Kultur, Architektur, Design und den neuen Medien die Beherrschbarkeit des Modernisierungsprozesses mit den Mitteln der Gestaltung herbeizuführen.

So gab es denn auch bereits in den zwanziger Jahren eine, nach diesen Regeln gestaltete Armbanduhr von A. Lange & Söhne aus Glashütte. Offenbar war die Zeit noch nicht reif, die Uhr verkaufte sich damals kaum. Auch 1992, Nomos-Inhaber Roland Schwertner hatte gleich nach der Wende die Designerin Susanne Günther mit einem Entwurf beauftragt, wollte das Geschäft nicht so recht anlaufen. Erst nachdem sich der, mittlerweile zum Teilhaber gewordene, Edel-Versender Manufactum der Tangente angenommen hatte, kam der Stein ins Rollen.

Eine ganz andere Geschichte ist die des eingeschalten Kalibers. Im Jahre 1923 gründete der Uhrmacher Charles Berner im kleinen Juraort Peseux im Kanton Neuenburg eine kleine Rohwerkefabrikation. Bereits ein Jahr später beschäftigte er 24 Mitarbeiter und produzierte über 6.000 Rohwerke für die, immer beliebter werdenden, Armbanduhren unterschiedlichster Hersteller. Neben dem berühmten Peseux 260, einem hochpräzisen Chronometerwerk, fanden sich auch etliche interessante Formwerke in den Kaliberlisten.

Zehn Jahre später, die Produktion war mittlerweile auf über 200.000 Werke pro Jahr angewachsen, zwang die Rezession den Uhrmacher seine Fabrique d'Ebauches de Peseux S.A. der Ebauches S.A. (die heutige ETA) einzugliedern. Bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1985 stellte Peseux immer wieder recht interessante Werke vor, insgesamt etwa 60 verschiedene Kaliber. Mit dem Peseux 7001 erhielt die ETA ein ausgesprochen flaches und sehr zuverläßiges Handaufzugwerk, daher wird es bis zum heutigen Tage dort weiter produziert.

Mit ihren superschlanken Zeigern und dem, auf das Nötigste reduzierten, Design entspricht die vorliegende Tangente aber am ehesten dem Gedanken von Bauhaus und Werkbund.


Gehäuse, Band und Tragekomfort

Das Gehäuse ist mit 6,1mm sehr flach und auch durch die abgewinkelten Hörner angenehm zu tragen, daher ist die Tangente auch bei Frauen sehr beliebt. Durch die sehr schmale Lünette und die zierlichen Bandanstöße kommt das schlichte Zifferblatt noch besser zur Geltung. Das Gehäuse ist rundherum auf Hochglanz poliert, der Boden trägt eine eingeätzte Beschriftung, ebenso die Krone. Das plane Saphirglas ist nicht entspiegelt und steht minimal über die Lünette über.

Im Gegensatz zu den üblicherweise verwendeten Federstegen, ist das Band mit dem Gehäuse verschraubt. Dies ist auch nötig, die Hörner sind so dünn, daß Federstege vermutlich nicht ewig halten würden und die Uhr so verloren gehen könnte. Die Verschraubung sorgt hier für die notwendige Stabilität.

Da Boden und Lünette nur aufgedrückt sind, ist die Wasserdichtigkeit auf 30m begrenzt. In der Praxis heißt das: Händewaschen und durch den Regen laufen ist erlaubt, alles Weitere sollte man tunlichst unterlassen.

Das Lederband ist eine kleine Besonderheit. Es besteht aus dem sogenannten Shell-Cordovan, einem sehr fetthaltigen Leder von texanischen Pferden. Daher soll es auch Salzwasser widerstehen können, was allerdings noch nicht getestet wurde. Leder und Nähte sind ordentlich verarbeitet.

Die Schließe mit dem eingeprägten Namenszug ist für eine Armbanduhr in dieser Preisklasse völlig in Ordnung.

Mit der Uhr wird ein kleines Büchlein ausgeliefert. Es zeigt nicht nur das schön terminierte Werk, das man mangels Glasboden sonst nicht zu Gesicht bekommt, sondern stellt auch die anderen Modelle aus dem Hause Nomos vor.


Bedienung & Ablesbarkeit

Die Krone ist für den tägliche Aufzug ausreichend groß gewählt, der Aufzug geht leicht und satt vonstatten. Da man in Glashütte dem Peseux-Kaliber einen Sekundenstopp spendiert hat, läßt sich auch die Zeiteinstellung sehr komfortabel vornehmen.

Durch die blau lackierten Zeiger und das mattsilberne Zifferblatt ist die Ablesbarkeit erwartungsgemäß hervorragend - solange die Sonne scheint oder das Licht brennt. Mangels Leuchtmasse ist in der Nacht nichts zu sehen. Dafür gibt es die Tangente dann aber auch, wie bereits erwähnt, als Sportmodell.


Werk & Gangwerte

Über das Werk habe ich weiter oben bereits einiges geschrieben. Rund 2,5 Millionen produzierte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache. Das 7001 ist eines der flachsten Handaufzugkaliber, insbesondere wenn man seine Preisklasse berücksichtigt. Es gibt zwar Werke von Audemars Piguet, Jaeger LeCoultre, Patek Philippe und Piaget, die zum Teil noch unter 2mm gehen, diese spielen aber preislich allesamt in einer ganz anderen Liga.

Der Lieferant von Nomos hat gute Arbeit geleistet. Das Werk ist sehr schön im Glashütter Stil terminiert und auch die Regulierung wurde einigermaßen sorgfältig ausgeführt. Auf der Zeitwaage sind zwar deutliche Schwankungen von -16 bis +5 s/Tag festzustellen, in der Praxis ist jedoch eine recht stabile tägliche Abweichung von -3 Sekunden festzustellen. Ein bißchen mehr Plus wäre hier wünschenswert, zumal sich die Zeit durch den Sekundenstopp einfach wieder synchronisieren ließe. Die Angabe der Gangreserve scheint zuzutreffen, vergißt man das Aufziehen einmal, so läuft das Peseux auch am nächsten Morgen noch munter weiter.


Qualitativer Eindruck

Bei der Betrachtung der Tangente darf man den recht günstigen Kaufpreis nicht vergessen. Das Gehäuse ist nichts Besonderes, glänzt eher durch seine Form, darf aber dem Verkaufspreis als angemessen betrachtet werden. Schön auch, daß man ein Saphirglas spendiert hat. Das Zifferblatt eines deutschen Herstellers ist makellos lackiert und bedruckt, die Zeiger sauber gesetzt. Ein informatives Büchlein fehlt ebensowenig wie eine, Bauhaus konform schlichte, schwarz lasierte Holzbox in der die Uhr liegend aufbewahrt wird.


Fazit

Alles in allem ist die Tangente eine Empfehlung wert. Wer einmal etwas erfrischend anderes haben möchte und die schlichten Klassikern der 40er Jahre als zu konservativ betrachtet, wird mit der Tangente sicher seinen Frieden finden. Sie ist einfach zu schlicht um nicht schön zu sein, andererseits aber auch zu edel um mit modischen Quarzmodellen verwechselt zu werden. Könnte man die Werke nun noch etwas mehr ins Plus regulieren, so gäbe es rein garnichts mehr zu mäkeln.

 

Datenblatt
Referenz keine (UVP: 690 Euro)
Werk ETA-Peseux Kaliber 7001, Handaufzug, Gangreserve 46 Stunden, Durchmesser 10,3 Linien (23,3 mm), Höhe 2,5 mm, 17 Lagersteine, Glucydur-Unruh, 21 600 A/h, Incabloc Stoßsicherung, Flachspirale mit Rücker und Triovis-Feinregulierung, Sekundenstopp, 115 Werkbestandteile, Glashütter Sonnenschliff, gebläute Schrauben, vergoldete und feinmattierte Werkoberfläche
Funktionen Stunde, Minute, kleine Sekunde
Gehäuse Edelstahl, Durchmesser 35 mm, Höhe 6,1 mm, Gewicht 43g ohne Band, Saphirglas, Boden gedrückt, 30m wasserdicht
Band Lederband aus Shell-Cordovan (fetthaltiges und sehr wasserresistentes Pferdeleder) mit Dornschließe
Varianten Als Sport mit größerem Gehäuse und Leuchtpunkten/-Zeigern, auch mit Datumsanzeige erhältlich
Getestet Dezember 2001