| Minerva Pythagore Applique |
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Modellbeschreibung Das Kaliber 48 folgt den Proportionen des Goldenen Schnittes exakt, die Uhr bekam daher den Namen Pythagore. Erst in einer, der damaligen Zeit entsprechenden, Grösse von 34mm angeboten, wurde um 1998 die vorliegende Pythagore Grande vorgestellt. Allen Pythagores gemein ist das, im Stil der 40er Jahre, klassische geformte Gehäuse mit den rund auslaufenden Hörnern, der flachen Lünette und der markanten Krone mit dem Firmensignet, einem Pfeil im runden Kreis. Besonderes Merkmal sind die, an der Aussenkante nochmals abgeflachten, Hörner die einen sehr harmonischen Übergang zum Band bilden und die Uhr weit flacher wirken lassen als sie tatsächlich ist. Die Aviation, als Vertreter des Fliegeruhren-Genres, kommt neuerdings mit einem satinierten Gehäuse, die Beobachtungsvariante und die vorliegende Applique ist komplett auf Hochglanz poliert. Berücksichtigt man die Entstehungszeit der Uhr, passt das versilberte Zifferblatt mit den rotgoldenen Appliken sowie den ebenfalls rotgoldenen Feuille-Zeigern am besten ins Bild.
Die Firma Minerva im kleinen Jurastädtchen Villeret wurde bereits 1858 von Charles Robert und seinen Söhnen als Robert et Fils gegründet. Der Name Minerva tauchte aber erst ab 1887 auf den Zifferblättern von Uhren auf. Im Jahre 1935 wurde Minerva von der Familie Jacques Pelot gekauft. Seit dieser Zeit wurden ununterbrochen Werke für Armband- und Stoppuhren produziert. So war Minerva immer für seine Chronographen und Stoppuhren bekannt, 1936 wurden die olympischen Winterspiel in Garmisch Partenkirchen ausgestattet. Besonders erwähnenswert sind die Chronographenkaliber 13-20, 17-29 und 19-9 sowie das Kaliber 42, eine Handstoppuhr mit 36 000 A/h und der Möglichkeit Hundertstelsekunden zu messen. André Frey, der spätere Schöpfer des heutigen Kaliber 48 arbeitete damals noch als Ingenieur im französischen Besancon bei der Rüstungsfirma H. Lip. Dort entwickelte er Zünder für Torpedos. Als der Betrieb mangels Aufträgen im Jahre 1940 schloss, wechselte André Frey in die Firma seines Grossonkels Jacques Pelot. Neben der Entwicklung des Viro-40, einer Spezialuhr zum exakten Timen von Bombenabwürfen, beschäftige er sich 1943 mit der weit zivileren Aufgabe, das bereits seit einigen Jahren bestehende Kaliber 48 vom klassischen Layout in die heutige Form zu bringen. Als Kaliber 49 wurde dann später noch eine Variante mit indirekter Zentralsekunde aufgelegt. Als Freund der römischen und griechischen Mythologie hat es ihm besonders der Mathematiker und Philosoph Pythagoras angetan. So ist im Kaliber 48 auch die Lehre des Goldenen Schnittes wiederzufinden, die da besagt: Eine Strecke wird im Verhältnis des Goldenen Schnittes geteilt, wenn sich die kürzere Teilstrecke zur längeren Teilstrecke so verhält wie die längere zur Gesamtstrecke. Mathematisch ausgedrückt: phi = (sqrt(5)+1)/2 = 1,61803... oder auch rho = (sqrt(5)-1)/2 = 0,61803... Diese Verhältnismässigkeit dient nicht nur in Kunst und Architektur als Hilfsmittel zur Proportionierung sondern ist auch in der Natur zu beobachten. So fand bereits Konrad Lorenz heraus, dass beim Nachwuchs von Kaninchenfamilien das Verhältnis zwischen Weibchen und Männchen praktisch immer 1,6:1 entspricht. Ein weiterer bekannter Name ist mit der Geschichte von Minerva verknüpft: Monsieur Dubois, der spätere Mitinhaber des Spezialitäten-Ateliers Dubois & Depráz absolvierte seine Ausbildung zum Uhrmacher bei André Frey. Später wurde dessen Firma recht oft bei der Produktion von Werkbestandteilen bemüht. Nach dem Ausscheiden von Jacques Pelot übernahm André Frey die Leitung des Unternehmen, sein Motorrad begeisterter Sohn, Jean-Jacques Frey, unterstützte ihn ab 1980. Dieser verkaufte das Unternehmen im Jahre 2000 an einen italienischen Investor da die finanzielle Situation der Marke die nötige Renovation der Gebäude und des Maschinenparks nicht zuliess.
Die Grösse von 38mm ist geradezu ideal. Weder der Chronographenfreak, der kaum unter 40mm mit sich trägt, noch der Freund zierlicher eleganter Modelle vermisst etwas. Die Pythagore passt gut unter den Hemdsärmel, stört beim Tragen niemals und wirkt aber auch an kräftigen Armen nicht unterdimensioniert. Alle Gehäuseteile sind, wie bereits erwähnt, auf Hochglanz poliert, das leicht bombierte Deckglas ist bündig in die Lünette eingepasst und nicht entspiegelt. Das Band liegt recht dicht am dreiteiligen Gehäuse an, da die Rundung des Mittelteils zwischen den Hörnern abgeflacht wurde und die Bohrungen für die federstege daher weit nach innen verlagert werden konnten. Das wunderschöne Werk wird von einem ebenfalls mit Saphirglas bestückten Vollgewinde-Schraubboden so gut geschützt, dass man der Angabe von 50m bei der Wasser-dichtigkeit beruhigt Glauben schenken darf. Das Werk ist deutlich kleiner als das Gehäuse, diese Tatsache wird durch den mehrfach gestuften, und sorgfältig gravierten Schraubboden recht gut kaschiert, zumindest hat man nicht das Gefühl, es würde etwas fehlen. Das Fenster im Boden gibt den Blick auf das sehr schön mit Genfer Streifen und polierten Schrauben dekorierte Handaufzugkaliber frei. Alle Gravuren sind vergoldet, das Ankerrad verfügt über einen geschraubten Deckstein, was eine präzise Justierung der Lage ermöglicht. Dem Goldenen Schnitt folgend, sind alle Winkel in 45° oder 90° ausgeführt, die Strecken- und Flächenverhältnisse halten sich an die Proportionsverhältnisse von 1,6 zu 1. Darüberhinaus sind alle Kanten von Brücken und Kloben von Hand angliert und poliert. Die Schliesse ist in der Optik zwar ähnlich der der Zenith aber deutlich stabiler. Die seitlichen Wangen sind kürzer und dicker, ein Verbiegen ist somit hier nicht möglich. Anstatt einer billigen Prägung wurde das Firmenlogo sauber und scharf eingraviert. Wie nicht anders zu erwarten, zeigen die bewährten Zutaten auch hier ihre Wirkung. Der Tragekomfort ist erstklassig, die Uhr drückt nicht, rutscht nicht und schmiegt sich dank der tief herabgezogenen Hörner angenehm an das Handgelenk. Obwohl ich eigentlich kein Freund von Straussenleder bin, muss ich gestehen dass das Band einerseits sehr gut mit der vorliegenden Variante der Pythagore harmoniert und andererseits von sehr guter Qualität ist. Am Anfang noch etwas steif, passt es sich aber recht schnell der gegebenen Rundung des Handgelenkes an. Auch nach einigen schweisstreibenden Trekkingtouren zeigt es keinerlei Auflösungs- oder Verfärbungs-Erscheinungen und das Leder wirkt immer noch sehr neuwertig.
Wie es sich für eine Handaufzug-Uhr gehört, ist die Krone gross und griffig ausgefallen, das tägliche Aufziehen gestaltet sich somit zum angenehmen Akt. Die rotgoldenen Zeiger bilden zum mattsilbern schimmernden Zifferblatt und den aufgesetzten rotgoldenen Ziffern zwar keinen besonders hohen Kontrast, durch die Wölbung der Zeiger ist aber in praktisch jedem Betrachtungswinkel eine Abschattung vorhanden, so dass die Ablesbarkeit recht gut ist. Da keinerlei Leuchmasse vorhanden ist, kann das Thema Nachtablesbarkeit getrost ad acta gelegt werden und das ist auch gut so. Die Zeiger sind auffallend breit und lang, so als wollten sie ihre geringe Anzahl im Vergleich zu Chronographen oder ähnlich komplizierteren Zeitmessern mit Dominanz kompensieren. Sie passen jedenfalls hervorragend zum Design der Uhr und sind historisch gesehen auch absolut authentisch.
Eigentlich sollte man die Uhr verkehrt herum tragen, so schön und harmonisch sind die Werkkomponenten angeordnet, auch die Terminierung ist besser als in dieser Preisklasse üblich. Auf der Zeichnung rechts unten ist zu erkennen, dass sich die Strecken AC zu DC, EB zu AE, AH zu AF und AG zu FG im Verhältnis 1,618... verhalten. Einige der zahlreichen Verbesserungen der letzten Jahre wie z.B. Schraubenunruh in Gold, hochwertigere Spirale und eine Feinregulierung mit Schwanenhals wirken sich naturgemäss auf die Gangwerte sehr positiv aus. Für ein Handaufzugwerk dieses Alters geht die Pythagore sogar erstaunlich gut. Nach einer recht kurzen Einlaufzeit von wenigen Tagen, in der sie nahezu keine Abweichung zeigte, hat sich der Gang auf sehr stabile +3 s/Tag eingependelt. Eines der wenigen Werke also, das nach dem Einlaufen, wie die Chronometer von Rolex, etwas schneller wird. Für die geringe Grösse und das Alter der Konstruktion aber ein exzellenter Wert. Hier gilt meine Hochachtung Madame Gonseth, die schon seit vielen Jahren als Regleuse für die Einhaltung der Zeit sorgt.
Das Gehäuse stammt von einem Zulieferer der Oberliga und das merkt man auch sofort beim Betrachten der Uhr. Keine Stanz- oder Sägespuren unter womöglich ungleichmässiger Politur trüben den Eindruck, auch die Lackierung und der Druck des Zifferblattes sind sehr sauber, die Appliken sogar äusserst gleichmässig gesetzt, was beim Bewegen der Uhr unter einer Lichtquelle durch die gleichmässige Reflektion sofort auffällt. Auch die Zeiger sind sauber und ohne Bearbeitungsspuren gesetzt, allerdings sollte man endlich den Vorschlag des deutschen Importeurs, ein längeres Stundenrohr zu montieren, in der Praxis umsetzen. Dann nämlich müsste der Stundenzeiger nicht leicht nach oben gebogen werden, damit er die Kreise des Sekundenzeigers nicht stört. Kein Beinbruch, das Ganze und die meisten Besitzer einer Pythagore werden es noch nicht mal bemerkt haben, aber es müsste nicht sein.
Trotz der deutlichen Preiserhöhung in der letzten Zeit ist der Minerva Grande Pythagore Applique ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis zu attestieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Minerva lange Jahre weit unter Preis verkauft hat da noch viele Komponenten in den Fournitourenschränken lagen. Nun, da neu produziert wird und auch einige Werkbestandteile aufgewertet wurden, musste natürlich auch der Preis angepasst werden. So wird der Herstellungpreis des Kalibers durch die goldene Schraubenunruh mit entsprechender Spirale gut und gerne verdoppelt. Auch mit dem aktuellen Preisschild ist die Pythagore noch immer ein Geheimtipp. Fast könnte man von einer Economy-Patek-Philippe sprechen. Form, Funktion, konstruktiver Anspruch - viele schöne Details, die nicht nur zum Betrachten der angezeigten Zeit einladen - es passt einfach alles. Man zieht sie immer wieder vom Arm, dreht sie auf die Seite - auch hier gibt es sehr ausgewogene Proportionen zu geniessen - um dann immer wieder in das zierliche Werk zu versinken und der langsamen Schwingung der Unruh zu folgen. Die Pythagore ist ein richtiger Erholungsurlaub von den schweren, grossen, auffälligen und manchmal auch symbolträchtigen Komplikationen. Mehr Uhr braucht im Grunde genommen kein Mensch, wenigstens nicht immer. Diese Erfahrung zu machen, kann ich nur jedem Uhrenfreund wärmstens empfehlen. Wie schrieb doch Alf Cremers 1997 sinngemäss für die Zeitschrift Chronos: Es sollte sie auf Rezept geben - recht hat er.
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