Start Uhren & Technik Erfahrungsberichte Jaeger-LeCoultre Master Reveil
Jaeger-LeCoultre Master Reveil

Modellbeschreibung

Zugegeben, diese Uhr rein objektiv zu bewerten fällt nicht leicht. Sie kokettiert mit ihrem zeitlosen, klassischen Design und verkörpert die hohe Kunst der stilsicheren Formgebung wie sie in den 50er Jahren zelebriert wurde.

Im Jahre 1983 aus den Katalogen verschwunden, wurde die Master Reveil 1994 wieder zum Leben weckt. Als Vorlage für die neue Schale standen die Modelle Futurematic und Memovox Pate. Schnörkellose, verrundete Hörner, ein leicht bombiertes, versilbertes Zifferblatt mit zartem Sonnenschliff, applizierte Ziffern bei 6, 9 und 12 Uhr, dazwischen pyramidenförmige, polierte Indice und breite Dauphinezeiger sind der Stoff, aus dem man schon 1950 Träume zu machen wusste.

Einen Gangschein der C.O.S.C sucht man bei allen Uhren der JLC vergebens, jede Uhr der Master-Serie wird aber nach der Fertigstellung 1000 Stunden getestet, die Werke sind allesamt in fünf Lagen und Temperatur reguliert.

 

 

Geschichte und Hintergründe

Bei Jaeger-LeCoultre haben Armbandwecker eine lange Tradition. Bereits 1925 präsentierte man einen Prototypen, ab 1951 wurde die Memovox mit dem Handaufzugkaliber 489 vorgestellt. 1953 kam dann das Kaliber 814 und 1956 der erste automatische Wecker mit Kaliber 815, das über eine Pendelschwungmasse verfügte. 1959 bekam dieses Kaliber noch eine Datumsanzeige und nannte sich nun 825.

Ab 1960 erlebten die Weckeruhren von JLC besonders in den USA einen regelrechten Boom, 1962 wurde die Memovox mit dem Handaufzugkaliber 910 ausgestattet, 1969 folgte das Kaliber 916 mit beidseitig aufziehendem Zentralrotor. Zwischen 1970 und 1977 bot JLC beide Modelle in teilweise recht abenteuerlichen Design-Varianten an, das Handaufzugmodell wurde 1977 aus dem Programm genommen. Ab 1979 gab es nur noch ein einziges Automatik-Modell, der direkte Vorgänger der heutigen Master Reveil, mit klassisch rundem Gehäuse und silbernem oder schwarzem Zifferblatt, 1983 wurde auch dessen Produktion eingestellt.

Mit der Lancierung des aktuellen Modells im Jahre 1994 wurde nicht nur ein zeitgemässes Gehäuse entworfen, Eric Coudray nahm sich auch des Kalibers an und schuf aus dem 916er das aktuelle 918er. Das ehemals recht mechanisch klingende Schnarren des Weckers war nicht mehr gut genug, so entwickelte er eine kreisförmig gebogene Glocke aus einer Metall-Legierung die auf einer geheim gehaltenen chinesischen Rezeptur beruht und im Gehäuseboden befestigt ist. Mit etwas Geduld beim Download kann man sich vom angenehmen Klang überzeugen.


Gehäuse, Band und Tragekomfort

Mit 12,8 mm Bauhöhe fällt die Master Reveil innerhalb der, von besonders flachen Modellen geprägten, Master-Linie aus dem Rahmen und wird nur noch von der Grande Reveil getoppt. Der Durchmesser von 38,2 mm ist ein guter Mittelwert zwischen den üblichen Massen von Dreizeigeruhren und Chronographen und sieht auch an kräftigen Handgelenken nicht zu zierlich aus.

Wie alle Gehäuse, stammt auch das der Master Reveil aus eigener Produktion. Bei JLC wird an Nichts gespart, die Rohlinge entstehen nicht in der Stanze sondern werden aus dem Vollen gefräst, anschliessend manuell aufwändig feinbearbeitet. Alle Gehäuseteile sind auf Hochglanz poliert. Die Lünette ist von innen verschraubt, auch der Boden wird von vier Schräubchen gehalten.

Wesentliche Gestaltungselemente sind die weit heruntergezogenen und seitlich leicht angefasten Hörner, die die Uhr in Verbindung mit dem stark gewölbten Boden und der gestuften Lünette weit flacher wirken lassen als sie tatsächlich ist. Durch die gebogenen Federstege folgt das Band gleichmässig der Gehäuserundung.

Das leicht bombierte Deckglas ist aus Saphir, bündig in die Lünette eingepasst und von innen entspiegelt.

JLC gibt die Wasserdichtigkeit mit 50 m an. Da der Boden äusserst passgenau gearbeitet ist, nach Entfernen der Schrauben behält er seinen Platz, und mittels einer O-Ring-Dichtung verschlossen wird, darf man dieser Angabe ruhig Glauben schenken. Überhaupt ist die Rückseite der Uhr mehr als einen kurzen Blick wert.

Neben einer fein ausmattierten Gravur begeistert das massivgoldene 1000h-Siegel mit der inidividuellen Prüfnummer, im Inneren erfreut eine Perlierung das Auge. Neben der Glocke kann man auch die handschriftliche Signatur des Uhrmachers sowie das Produktionsdatum erkennen. Schöner kann eine Uhr von hinten kaum aussehen, man vermisst noch nicht einmal einen Glasboden.

Die Uhr wirkt flacher als sie wirklich ist und trägt sich sehr angenehm. Durch das relativ schmale und steife Band kann der Umfang recht locker eingestellt werden und die Master Reveil klebt auch im Sommer nicht am Arm.

Das nicht rembordierte, seidenmatt glänzende Reptillederband ist von sehr hoher Qualität, gleichmässig genarbt und sauber vernäht. Das Band ist etwas steifer als gewohnt, in Verbindung mit der Faltschliesse gerät dieser Umstand aber nicht zum Nachteil.

Laut Beschreibung werden nur biologische Gerbstoffe und Farben verwendet. Interessant ist, dass das Leder auch im Neuzustand nicht den typischen Ledergeruch hat, sondern eher nach frisch geschnittenem Holz duftet. Deck- wie auch Innenleder sind sehr unempfindlich gegenüber Nässe. Selbst nach mehreren Wochen im warmen Spätsommer sieht das Innenleder immer noch neuwertig aus-

Die Faltschliesse mit der wunderschönen Gravur steht dem sehr hohen Niveau der Uhr in Nichts nach. Sie ist sehr passgenau gefertigt, lässt sich mit deutlicher Rastung öffnen und schliessen, trägt kaum auf und bildet ein gutes Gegenwicht zum Uhrengehäuse.


Bedienung & Ablesbarkeit

Mancher Technologie-Fetischist wird ob der fehlenden Datumsschnellverstellung die Nase rümpfen, diese Funktion wurde erst in modernere Kaliber wie das 889/2 integriert.

Dass das Werk keinen Sekundenstopp bietet ist leicht zu verschmerzen, die Zeigerstellung verläuft spielfrei und satt, durch Halten der Krone kann die Unruh angehalten und somit die Zeit recht genau eingestellt werden.

Während die Krone bei 4 Uhr für den eventuellen Aufzug des Werkes und die Zeiger-/Datumseinstellung verantwortlich ist, bedient die zweite Krone bei 2 Uhr das Läutwerk. In gedrücktem Zustand wird der Wecker aufgezogen und ist auch aktiviert, bei gezogender Krone kann die Weckzeit mittels der zentralen Scheibe eingestellt werden. Gleichzeitig wird der Ablauf des Läutwerkes durch Ziehen dieser Krone unterbrochen. Die Weckzeitskala hat zwar nur eine Unterteilung in Viertelstunden, trotzdem gelingt die Einstellung bis auf zwei, drei Minuten genau.

Der Ton der Klangfeder ist wirklich beeindruckend. Ist die Reveil am Arm, läutet sie etwas gedämpft aber spürbar, auf dem Nachttisch entwickelt sie eine erstaunliche Lautstärke. Bei Vollaufzug läuft das Läutwerk in etwa 20 Sekunden ab. Völlig ausreichend um auch gute Schläfer, wie mich, aufzuwecken. Hier ein Beispiel als Audiodatei.

Auffallend ist die extrem hohe Anfassqualität des Werkes. Bereits das Aufzuggeräuch suggeriert feinsten Maschinenbau, die Zeigerstellung folgt der Krone spielfrei und auch die Synchonisation zwischen Minuten- und Sekundenzeiger erfordert keinerlei Tricks wie Rückwärtsdrehen. Beim Drücken der Krone ist auch keine noch so kleine Bewegung der Zeiger zu erkennen.

Trotz des hochglänzend lackierten, leicht gewölbten Ton-in-Ton Zifferblattes stellt die Ablesung der Zeit kein Problem dar. Die Dauphine-Zeiger wie auch die Indices bieten bei jeder Beleuchtung durch das faszinierende Lichtspiel genügend Kontrast. Der Sekundenzeiger ist darüberhinaus stahlgebläut und somit immer eindeutig zu erkennen. Auch einen würdigen Rahmen um das Datumsfenster hat man nicht vergessen. Dank der Leuchtpunkte und Einlagen aus SuperLuminova ist die Ablesbarkeit auch im Dunkeln gewährleistet, nicht selbstverständlich bei dieser Uhren-Gattung.

Die Zeiger passen von der Form her perfekt zum Zifferblatt und sind in ihrer Länge optimal angepasst.


Werk & Gangwerte

Nach Entfernen des Bodens kann man das sehr aufwändig dekorierte Werk sehen. Unter der Lupe offenbart sich dem Kenner der hohe Grad an Feinbearbeitung, hier wird nicht nur ein bisschen geschliffen und poliert, man muss schon in weitaus teurere Regale greifen um Vergleichbares sehen zu können.

Über die Geschichte habe ich bereits berichtet, bleibt noch zu erwähnen, dass gegenüber dem Vorgänger Kaliber 916 praktisch alle Teile überarbeitet und das Werk auf den neuesten Stand der Technik gebracht wurde.

Die Angabe der Gangreserve von 45 Stunden scheint zuzutreffen, nach einem Vollaufzug früh morgens lief die Uhr am übernächsten Tag immer noch, sie wurde dann vorsorglich wieder aufgezogen.

Die Gangwerte bewegten sich von Anfang an auf unerwartet hohem Niveau. Eine Einlaufphase war, sicher bedingt durch den vorangegangenen 1000-Stunden-Test, nicht festzustellen. Die Zeitwaage weist lageabhängige Schwankungen von weniger als 2 s/Tag aus. In der täglichen Praxis läuft die Master Reveil mit konstant 2 s/Tag Vorgang, ein sensationelles Resultat für dieses Werk und ein Beweis für die hohe Kompetenz der Regleure, wie ich meine.


Qualitativer Eindruck

Bereits beim ersten Augenkontakt nach dem Öffnen der Schachtel weiss man instinktiv, dass es sich hier nicht einfach eine runde Stahluhr mit silbernem Zifferblatt handelt. Schon bei oberflächlicher Betrachtung erweckt sie selbst bei absoluten Laien einen hohen Qualitätseindruck. Und das, obwohl sie weder mit ausgeprägter Symbolik noch mit vordergründig abweichender Formgebung die Blicke auf sich zu ziehen vermag.

Hier wirken ganz klar andere Attribute auf unsere Sinne ein. Das Lichtspiel auf Zifferblatt und Gehäuse sähe weit weniger attraktiv aus, hätte man günstigere Komponenten verbaut. So haben selbst unter der Lupe betrachtet, die Indice und Zeiger keinerlei Spuren oder Verformungen durch die Bearbeitung, kein Grat, kein Radius blieb hier übrig, alles perfekt. Die Hochglanzlackierung des Zifferblattes ist von einer extremen Reinheit, man fragt sich unweigerlich, wie in solch einem Mikrokosmos überhaupt so präzise garbeitet werden kann.

Auch das Gehäuse steht da nicht nach: Jeder Winkel, jeder Bogen und jede Fläche sind absolut gleichmässig und makellos, der Boden für sich schon eine Show. Selbst das Fensterchen der Datumsanzeige hat einen 3-fach gefasten Rahmen.

Dass diese grossartige Detailverliebtheit und der damit verbundene, sehr hohe, Fertigungsaufwand auch vor dem Werk nicht Halt macht, erhöht den Reiz der Uhr um so mehr. Anfassqualität und Gangwerte sprechen eine deutliche Sprache. Daneben werden die funktionalen Mängel wie fehlender Sekundenstopp und fehlende Datumsschnellverstellung drittrangig.

Der perfekte Qualitätseindruck ist nicht weiter verwunderlich, wenn man weiss, dass Jaeger-LeCoultre zu den, an einer Hand abzuzählenden, Manufakturen in der Schweiz gehört, die wirklich alle benötigten Komponenten selbst herstellen. Alle? Nein, natürlich nicht: Die Unruhreifen und Spiralfedern kommen von Nivarox, auch die Aufzugfedern werden zugekauft. Das wär's dann aber auch schon gewesen.

 

Fazit

Eine Uhr ohne Fehl und Tadel? Uneingeschränkt - ja! Einzig der hohe Preis könnte die Laune verderben, aber den hat die Begeisterung für dieses edle Stück längst vergessen gemacht. Die Jaeger-LeCoultre Master Reveil ist mit absoluter Sicherheit eine der Uhren, die irgendwann plötzlich gefallen und einen dann nicht mehr loslassen, selbst wenn man sie schon jahrelang besitzt.

 

Datenblatt
Referenz 141.840.972B (UVP 3990,- Euro)
Werk Jaeger-LeCoultre Kaliber 918, beidseitiger automatischer Aufzug durch kugelgelagerten Rotor, Läutwerk mit Handaufzug über Tonfeder, Gangreserve 45 Stunden, Durchmesser 12,5 Linien (28,8 mm), Höhe 7,45 mm, 22 Lagersteine, Glucydur-Unruh, 28 800 A/h, KIF-Elastor Stosssicherung, Flachspirale mit Triovis-Feinregulierung, 260 Werkbestandteile
Funktionen Stunde, Minute, Sekunde, Datum, Weckzeit über Scheibe und zweite Krone
Gehäuse Edelstahl, Durchmesser 38,2 mm, Höhe 12,8 mm, Gewicht 64g ohne Band, Saphirglas innen entspiegelt, Schraubboden mit Gold-Medaillon, 50m wasserdicht
Band Reptillederband mit Faltschliesse (optional Stahlgliederband)
Varianten Gehäuse, Indice und Zeiger in Gelbgold
Getestet August 2001