Start Uhren & Technik Erfahrungsberichte Jacques Etoile Venus 175 Rotgold
Jacques Etoile Venus 175 Rotgold

Modellbeschreibung

Das Venus 175 ist eines der seltensten Kaliber dieser Familie, ohnehin preislich damals schon im oberen Drittel der Skala, wurde es nur kurze Zeit in der frühen Navitimer der Breitling S.A. eingeschalt und bald darauf vom Kaliber 178 mit zusätzlichem Stundenzähler abgelöst.

Nun findet man solche Raritäten nicht auf der Strasse, schon gar nicht heute, wo diese Kaliber wieder schwer gesucht werden. Glücklicherweise gibt es Firmen wie die Jaquet SA (heute La Joux-Perret SA) in La-Chaux-de-Fonds welche solche alten Pretiosen wieder neu produzieren. Damit hat man dann allerdings noch keine Uhr. Trotz aller konstruktiven und ästhetischen Schönheit stellt der Kunde heute zurecht gewisse Ansprüche an Gangwerte und Zuverlässigkeit. So treibt der Einsatz aktueller Technik den Preis für die Nachbauten spürbar nach oben.

Gleichzeitig wurde dem Werk eine komplett neue Hemmung mit vergoldeter Schraubenunruh, Breguet-Spirale und Schwanenhals-Feinregulierung spendiert. Alleine diese wenigen Teile liegen preislich bereits weit über dem, was üblicherweise für eine komplette Armbanduhr ausgegeben wird.

Darüberhinaus wurde die Platine sauber perliert, alle Werkteile aufeinander abgestimmt, echte Genfer Streifen mit der Buchsbaumholz-Scheibe aufgebracht und noch zusätzliche fünf Lagersteine montiert. Um dem Werk einen würdigen Rahmen zu geben, wird es seit geraumer Zeit in Gehäuse der Glashütter SUG eingeschalt. Diese stellen den momentanen Stand der Technik dar und halten garantiert bis 100m wasserdicht.

An Zifferblättern gibt es eine kleine Auswahl an authentischen Motiven, vom chinaweissen Beobachtungsblatt über das vorliegende Applique und dem edlen Guilloche mit römischen Ziffern, stehen auch eher technisch orientierte Varianten mit Pulsometer oder Telemeter (das letztgenannte verfügt auch über einen Tachymeter) zur Auswahl. Hat man sich einmal sattgesehen, ist ein Wechsel jederzeit problemlos möglich.

 

 

Geschichte und Hintergründe

Taschenuhren mit Stopp-Mechanismus sind bereits vor 1800 bekannt geworden, allerdings wurde beim Stoppen der Zeit das ganze Werk mit angehalten. Um 1844 entwickelte Adolphe Nicole ein separates Sekundenwerk sowie eine Nullstellvorrichtung. 1962 folgte die erste Taschenuhr mit den heute bekannten Funktionen Start - Stopp - Rückstellen. Der Chronograph war geboren.

Als zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Armbanduhren in Mode kamen, liess auch der Chronograph in dieser Gehäuseform nicht lange auf sich warten. Handelte es sich bei den ersten Exemplaren noch um Taschenuhren, welche mit Bügeln zur Befestigung eines Lederriemens versehen waren, kamen ab 1910 die ersten verkleinerten und damit Armbanduhren tauglichen Werke mit 13 Linien der Firma Moeris auf dem Markt. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Uhrwerken war der Markt der Chronographen gleich zu Beginn in der Hand der Ebauché-Fabrikanten. Namentlich zu nennen wären hier: A.A. Hahn (Landeron); P. Berret, J.B. Berret und O. Schmitz (Venus S.A.) sowie J. und Ch. Reymond (erst Reymond Freres, später Valjoux S.A.). Nicht zugehörig waren vorerst die Firmen Lemania und Universal in Genf.

Die ersten echten Chronographen waren Eindrückermodelle, die Sequenz Start-Stopp-Null konnte nicht durchbrochen und meist über einen Drücker in der Krone gesteuert werden. Erst ein Patent der Léon Breitling S.A. aus dem Jahre 1934 brachte den Zweidrücker-Chronographen, so wurden Additionsmessungen möglich. Für Taschenuhren hatte Breitling bereits 1923 ein entsprechendes Patent angemeldet. Die Werke hatten allgemein eine Schwingungszahl von 18 000 A/h, daher auch die Fünftel-Einteilung auf dem Zifferblatt. Minutenzähler bis 30 bzw. 45 Minuten waren von Anfang an üblich, die Firma Pierce S.A. in Biel hatte auch Modelle mit 60 Minuten.

In den 30er Jahren folgten dann auch Patente für Stundenzähler, in der Regel bis 12 Stunden. Da diese zusätzliche Komplikation ausnahmslos auf der Zifferblattseite montiert wurde, koexistierten viele Kaliber in beiden Varianten (mit und ohne 12h-Zähler) über lange Zeiträume.

Gleichzeitig gab es auch von Anbeginn der Armband-Chrongraphen mehr oder weniger hochwertige Werke. Die Ebauché-Fabrikanten überschwemmten den Markt mit kulissengesteuerten und sehr preisgünstigen Werken, hatten aber auch wesentlich hochwertiger gefertigte Schaltradwerke im Programm.

Einem dieser Hersteller, der Venus S.A. in Moutier (Münster) im schweizerischen Jura, wollen wir uns nun zuwenden. Gegründet im Jahre 1924 von den oben erwähnten Herren, stellten die 25 Mitarbeiter etwa 38 000 Rohwerke pro Jahr her. Bis 1927 wurde die Produktion auf etwa 146 000 Ebauchés gesteigert. 1933 gelangte die Venus S.A unter das Dach der Ebauchés S.A. (der heutigen ETA). Mit den Jahren wurde der Markt für Chronographen schlechter, dass man kein automatisches Kaliber im Programm hatte, bedeutete 1966 das endgültige Aus für den auf Chronographen spezialisierten Hersteller.

Die wesentlichen Kaliber sind leicht zu unterscheiden: 17x steht für die aufwändiger gemachten Schaltradkaliber, von denen teilweise nur geringe Stückzahlen produziert wurden. 18x steht für die kulissengesteuerten Varianten. Die Kaliberliste wies folgende Schaltradwerke aus: Venus 140 (13''', Friktionskupplung, 30 Minutenzähler), Venus 150 (13''', Kupplung, 30 Minutenzähler), Venus 170 (12,5, Schwingtrieb, 30 Minutenzähler), Venus 175 (14''', Kupplung, 30 Minutenzähler), Venus 178 (wie 175 mit 12 Stundenzähler), Venus 179 (wie 175 mit Schleppzeiger).

Allen Werken gemeinsam ist eine Besonderheit, die bereits in frühen Jahren sehr viel von deren Beliebtheit ausmachte: Der in Rückstellrichtung gefederte Herzhebel (Nullsteller), doch davon später.

 

Gehäuse, Band und Tragekomfort

Die Grösse von knapp über 40mm entspricht exakt den Werkdimensionen, ein Werkhaltering ist also nicht nötig. Das Werk wird von oben eingesetzt, hier erweist sich die verschraubte Lünette beim Service als sehr vorteilhaft.

Das Gehäuse folgt in seiner Formgebung den authentischen Vorbildern der damaligen Zeit und verfügt über eine gestufte Lünette. Alle Gehäuseteile sind auf Hochglanz poliert, das plane Deckglas ist bündig und leicht untergreifend in die Lünette eingepasst sowie innen entspiegelt. Die Hörner sind tief heruntergezogen, dies kommt dem Tragekomfort sehr zugute.

Das, mit 14 Linien recht grosse, Werk wird von einem, ebenfalls mit Saphirglas bestückten und von sieben Gewindeschrauben gehaltenen, Boden geschützt. Die gestochen scharfe Gravur weist nicht nur auf die verwendeten Gläser und die Wasserdichtigkeit hin, sondern beinhaltet auch eine individuelle Nummerierung. Selbstverständlich ist der Glasboden gross genug dimensioniert um den Blick auf das wirklich wunder schön terminierte Kaliber nirgendwo zu stören.

Neben der vollkommenen Perlierung der gesamten Werkplatine sind alle Brücken und Kloben angliert und poliert, die Genfer Streifen sind echt, also nicht mit der CNC-Fräse, sondern mit der Holzscheibe aus Buchsbaum aufgebracht. Diese Technik wird nur noch in ganz wenigen Ateliers beherrscht, drückt sich aber in einem wesentlich seidigeren Glanz aus.

Seit etwa Anfang 2001 werden mit der Venus exklusive Lederbänder der Marke Graf ausgeliefert. Sie sind voll rembordiert, das Leder ist äusserst geschmeidig und von schöner Zeichnung.

Die Innenseite ist mit einem matten und nicht am Arm klebenden Naturkautschuk beschichtet und mit einer stabilen, gravierten Schliesse versehen, die durch ihren leichten Knick das Einfädeln des Bandes sehr erleichtert.

Die Gehäusebauer in Glashütte verzichten, wie das bei hochwertigen Uhren üblich ist, auf einen Werkhaltering. Das Gehäuse ist daher recht massiv, was sich bei der Rotgold-Variante in einem immensen Gewicht ausdrückt. Wer sich also nicht für Stahl entscheidet muss wissen, dass die Uhr immer am Arm präsent ist. Trotzdem leidet der Tragekomfort nicht darunter, der plane Glasboden und das breite 22mm Band halten die Uhr gut in ihrer Position.

 

Bedienung & Ablesbarkeit

Jetzt kommt das Lieblingsthema der Venus: Die Bedienung. Der Aufzug mit der gewaltigen 6mm Krone ist völlig problemlos, selbst mit Handschuhen. Die Zeigerstellung läuft spürbar satter als bei den alten Werken im Originalzustand, ganz klar ein Resultat der gründlichen Überarbeitung. Das Venus 175 hat keinen Sekundenstopp, kann aber durch Rückwärtsdrehen der Zeiger angehalten und somit leicht mit dem Zeitzeichen synchronisiert werden.

Ein ganz besonders sinnliches Erlebnis ist die Bedienung der rechteckigen Formdrücker. Butterweich und exakt werden die Funktionen ausgeführt. Das Rückstellen erfolgt, nach Überwindung eines leichten Druckpunktes und dank der invers arbeitenden Herzhebelfeder, schlagartig und ohne weiteren Kraftaufwand. Verglichen mit dieser Kür gerät das Steuern eines Valjoux 7750 zu einer lästigen Pflichtaufgabe.

Die eleganten Losangé-Zeiger sind schmal und sehr lang, sie erreichen auch bei den weiteren Zifferblatt-Varianten ihre Skalen einwandfrei. Durch den gebläuten Stahl auf dem zweifarbigen Grund des einerseits perlgestrahlten und innen ausgedrehten Zifferblattes, ist die Ablesbarkeit am Tag völlig problemlos und entfällt Nachts aufgrund der fehlender Leuchtmasse.

 

Werk & Gangwerte

Das Thema Ganggenauigkeit kommt unter Werkesammlern in der Regel eher nicht auf den Tisch, man hat eben andere Präferenzen. Die Venus 175 zeigt hier allerdings recht deutlich, dass sich ein ausreichend gross dimensioniertes Werk mit einer mächtigen Schraubenunruh, Breguetspirale und adäquater Feinregulierung kaum von externen Einflüssen aus dem Tritt bringen lässt.

So waren die Gangabweichungen bereits in der Einlaufzeit recht gering, die Uhr eilte mit 12 s/Tag nur deutlich voraus. Nach einigen Wochen stabilisierte sich der Gang und liegt jetzt ganz klar innerhalb der Chronometernorm. Die Zeitwaage zeigt erwartungsgemäss, dass eine schwere Unruh in den horizontalen Lagen einen leichten Gewinn vor den vertikalen Lagen hat. So kann Nachts der Verlust des Tages wieder aufgeholt werden. In der täglichen Praxis verliert die Venus am Tag etwa 1 bis 1,5 Sekunden und holt diese Nachts wieder gut auf, so dass unterm Strich ein täglicher Vorgang von etwa 2 Sekunden bleibt. Wenn man wollte, könnte man hier noch etwas drehen, muss aber nicht sein. Wesentlich ist, dass die Schönheit mit der prägnanten V-Brücke diese Werte nun schon seit einem knappen Jahr hält und damit so manche zeitgenössische Kreation auf die Plätze verweist. Die Gangreserve reicht aus, um auch mal einen Tag überspringen zu können.

 

Qualitativer Eindruck

Das Gehäuse gilt in Fachkreisen als über jeden Zweifel erhaben. Die Sechs-Achsen-Präzisionsfräsen der Sächsischen Uhrentechnologie GmbH (SUG) haben ganze Arbeit geleistet. So ist das wertvolle und seltene Kaliber für alle Ewigkeit gut aufgehoben. Wäre es nicht etwas artfremd, könnte man mit der Venus sogar Tauchen gehen. Wem das Rotgold zu schwer oder zu teuer ist, kann für deutlich weniger Geld auch die Stahlversion ordern, sollte sich aber beeilen, die Werke werden nur in geringen Stückzahlen produziert.

Die Zifferblätter eines bekannten südbadischen Herstellers glänzen durch sauberen Druck und perfekte Lackierung. Auch die Zeiger sind sauber und ohne Bearbeitungsspuren gesetzt. Anfangs sass der Chronosekundenzeiger eine halbe Zeigerbreite neben dem Index. Durch die beträchtliche Höhe der Zeigerachsen ergibt sich beim Setzen naturgemäss ein Parallaxenfehler, dies wurde jedoch umgehend korrigiert.

 

Fazit

Auch an Klaus Jakob sind die Preiserhöhungen der letzten Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Die Kosten für Zifferblätter, Gehäuse, bessere Armbänder, Werkbestandteile und nicht zuletzt die Finissierungsarbeiten haben die Venus um einiges verteuert. Das ist für den geneigten Interessenten zwar bedauerlich, gegenüber vergleichbaren Modellen ist sie aber immer noch ein Sonderangebot. Exklusivität inbegriffen, niemand anders bietet ein Venus 175 an, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Sehr angenehm, in dem ganzen Angebot an meist alten Valjoux-Werken, von denen eigentlich nur das Kaliber 23 dem Venus wirklich Paroli bieten kann.

Schön auch, dass man immer mal wieder das Gesicht der Uhr verändern kann. Zeiger und Zifferblätter sind in einigen Varianten verfügbar und können leicht getauscht werden. Wer also einen Chronographen mit einem wirklich aussergewöhnlichen Werk abseits des üblichen Einerlei sucht und gleichzeitig auch in allen anderen Details höchste Ansprüche stellt, sollte unbedingt mal einen Blick nach Lörrach riskieren - die japanischen Sammler tun's recht intensiv.

 

Datenblatt
Referenz keine (UVP 10600,- Euro)
Werk Venus-Kaliber 175, Handaufzug, Gangreserve 45 Stunden, Durchmesser 14 Linien (31,6 mm), Höhe 5,7 mm, 23 Lagersteine, vergoldete Glucydur-Schraubenunruh, 18 000 A/h, Incabloc Stosssicherung, Breguetspirale mit Schwanenhals-Feinregulierung, 194 Werkbestandteile, echte Genfer Streifen und gebläute Schrauben, perlierte Werkplatine, auch auf der Oberseite
Funktionen Stunde, Minute, kleine Sekunde, Chronograph mit 30 Minutenzähler
Gehäuse 18k Rotgold, Durchmesser 40,5 mm, Höhe 11,9 mm, Gewicht 165g ohne Band, Lünette und Boden jeweils verschraubt mit Saphirglas, 100m wasserdicht
Band Reptillederband mit Dornschliesse
Varianten Zifferblattvarianten: Telemeter, Pulsometer, Guilloche-Blatt, Beobachtungs-Blatt, Modell auch in Stahl erhältlich
Getestet März 2001